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Anfängen bis zu Gegenwart behandeln. Ähnlich umfassend ist der Plan für die dreibändige Geschichte des Kantons Tessins, die gegenwärtig von einer Gruppe unter Leitung von Raffaello Ceschi verfasst wird. Bezeichnend für die beiden Unternehmen ist eine flexible Grenzauffassung: Die einzelnen Beiträge sollen nach Möglichkeit die Geschichte der umliegenden Regionen berücksichtigen, womit gleichzeitig die Kantonsbildung als historisch offener Prozess fassbar wird.

Die Ortsgeschichte ist in der Schweiz - auch entsprechend dem dezentralen Staatsverständnis - eine stark verbreitete Gattung. Von den 1000 Gemeinden des weit gefassten Alpengebiets dürfte die grosse Mehrzahl in mehr oder minder elaborierten Darstellungen zur Sprache kommen. Vor allem Orte, die einen raschen Wandel erleben, haben in den vergangenen Jahren viele neue und modern konzipierte, zunehmend von Fachhistorikern verfasste Gemeindegeschichten veranlasst.9 Wir beschränken uns hier auf zwei Beispiele ohne offizösen Charakter. 1981 hat der Anthropologe Robert McC. Netting ein vielbeachtetes Buch zur Oberwalliser Gemeinde Törbel publiziert, besonders zu den ökologisch-homöostatischen Mechanismen, welche es der Lokalbevölkerung ermöglichten, während Jahrhunderten «auf einer Alp zu balancieren» (so der Titel). In räumlicher Hinsicht hält sich der Autor an die Traditionen der Community studies: Der Untersuchungsort wird einerseits als System mit festen Grenzen betrachtet, andererseits in einen quasiglobalen Kontext gestellt.10 Fast umgekehrt erscheint der Raumbezug in der detaillierten Studie von Pierre Dubuis über die spätmittelalterliche Geschichte der Unterwalliser Gemeinde Orsières. Sein Ort ist eingebettet in konzentrisch angelegte Untersuchungs räume, welche vom Tal über die Nachbartäler bis zu weiteren, namentlich west alpinen Regionen reichen.11

Die Regionalgeschichte, die damit angesprochen ist, hat mit Bezug auf die staatlich-administrative Ordnung einen unbestimmten Status. In der Praxis siedeln sich regionale Forschungen oft zwischen der kantonalen und der kommunalen Ebene an. Angesichts des geringen Umfangs vieler Kantone nehmen sich solche Regionen im internationalen Vergleich sehr kleinräumig aus.12 Beeinflusst von den «Annales» und anderen Impulsen, hat die Regionalgeschichte in den vergangenen Jahrzehnten einen Aufschwung erlebt. Wesentlichen Anteil daran haben die Studien von Markus Mattmüller und seinen Schülern, welche sich mit einer Reihe von mittelländischen und nordalpinen Gebieten befassen; ihr Ausgangspunkt bildet die historische Demographie des Ancien régime.13 In den untersuchten Bergregionen lässt sich seit dem

50 HISTOIRE DES ALPES - STORIA DELLE ALPI - GESCHICHTE DER ALPEN 1996/1